Streuobstwiesen – Nahrung für Alle

Nicht nur die Obstbäume blühen im Frühjahr.
Nicht nur die Obstbäume blühen im Frühjahr.
orangerotes Habichtskraut
orangerotes Habichtskraut
Gartenhummel
Gartenhummel
ein kleiner Fuchs auf Blüten des Wiesenklees
ein kleiner Fuchs auf Blüten des Wiesenklees
Zunge eines Grünspechts (Quelle: Wikipedia)
Zunge eines Grünspechts (Quelle: Wikipedia)
Einige Flurnamen rund um Kemnat
Einige Flurnamen rund um Kemnat

Wenn man an die Streuobstwiesen denkt, denkt man natürlich zu allererst an die Obstbäume. Und als Produkt der Streuobstwiesen fallen einem vornehmlich die Äpfel ein, die um Kemnat herum an den meisten Obstbäumen wachsen.

Aber eine Streuobstwiese wäre keine, wenn die Zwischenräume nicht wären. Es steckt ja nicht nur das Obst im Namen, sondern auch die Wiese. Und selbst an den Bäumen gedeiht nicht nur Obst, und nicht nur Menschen ernähren sich von dem, was man hier findet. Wir wollen mal eine unserer Streuobstwiesen übers Jahr beobachten.

Die Streuobstwiese im Frühjahr

Augenfällig ist im Frühling die Blütenpracht, die die Obstbäume bieten. Die gefällt nicht nur unseren Augen, sondern stellt auch eine wichtige Nahrungsgrundlage für unsere fleißigen Helfer, die Bienen, dar. Diese bedienen sich an dem Pollen und Nektar, den die Blüten ihnen bieten, und dass bei der Gelegenheit die Blüten auch bestäubt werden, damit im Herbst Früchte draus werden, ist für die Bienen eigentlich nur ein unbeabsichtigter Nebeneffekt. Sowohl Nektar als auch Pollen sind Futter für das Bienenvolk. Und auch Honig zu produzieren, den Menschen nachher essen können, ist nicht der Zweck der Aktion.

Tatsächlich entsteht Honig als vom Menschen verwertbares Produkt nur bei der Arbeit einer einzigen bei uns vertretenen Insektenart, nämlich der europäischen Honigbiene (Apis mellifera). Neben dieser sind noch viele Wildbienenarten, aber auch Hummeln und andere Insekten aktiv. Wenn Ihr im Frühling unterwegs seid, empfehlen wir Euch, einmal an den Blüten zu beobachten, wer sich dort alles einfindet. Fliegende Insekten braucht es in aller Regel, denn gerade Apfelbäume sind “selbststeril”, d.h. die Blüte eines Baumes kann nicht sich selbst und auch nicht eine andere Blüte des selben Baumes befruchten und nicht einmal die Blüten eines Baumes der selben Sorte. Daher ist es gut, dass auf der Streuobstwiese die Sorten bunt gemischt sind, und dass dort im Frühjahr ein reges Summen und Brummen zu vernehmen ist.


Apfelblüten

Außerdem ist die Streuobstwiese ja eine Wiese, und wenn sie richtig gepflegt wird, sind auch auf dem Boden viele Blüten zu finden, die sehr vielen Insektenarten, unter anderem vielen Schmetterlingen, Nahrung bieten. Dazu darf die Wiese nicht zu häufig oder zu früh gemäht werden, damit die Blütenpflanzen noch dazu kommen, Samen auszubilden. Sie darf aber auch nicht zu spät gemäht werden, denn sonst wachsen die Gräser über die Blütenpflanzen hinaus und nehmen Ihnen Licht, Wasser und Nährstoffe weg.


eine Zottelbiene auf Habichtskrautblüten

Die Streuobstwiese im Sommer

Was gibt es auf der Streuobstwiese in viel größerer Zahl als Apfelbäume und sogar mehr als Äpfel? Zwei „Familien“ wären hier zu nennen: Süßgräser und Ameisen.

Die Gräser waren für die Entstehung, Geschichte und Wirtschaft Kemnats von erheblicher Bedeutung. Denn Jahrhunderte lang war die Schafhaltung eine der Haupteinnahmequellen (mehr darüber könnt Ihr an der Historischen Achse erfahren). Und für die Schafhaltung braucht es Gras. Damit sind nicht nur die Bäume, sondern auch der Raum dazwischen eine wichtige Nahrungsquelle für frühere Kemnater gewesen – direkt für die Vierbeinigen, indirekt für die Zweibeiner.

Und auch die Ameisen dienen als Nahrung – zwar nicht für Menschen oder Schafe, und es gibt hier auch keine Ameisenbären oder Schuppentiere, aber ein häufiger Bewohner der Streuobstwiesen ist mit seiner spitzigen, klebrigen Zunge auf den Fang von Ameisen spezialisiert.


Blütenstand des gewöhnlichen Wiesenknäuelgrases

Wenn Ihr beim Spaziergang über die Streuobstwiesen immer wieder mal ein freches Lachen oder lautes Kichern hört, könnte das durchaus ein Grünspecht sein. Zu sehen ist er nicht ganz so oft, denn mit seinem grünen Federkleid ist er recht gut versteckt, und zwar sowohl auf den Obstbäumen als auch auf der Wiese. Da hält er sich zur Futtersuche auf. Er findet dort nämlich seine Leibspeise: Ameisen.

Um diese einzufangen, bohrt er zunächst mit dem Schnabel Löcher in den Boden und steckt dort seine zehn Zentimeter lange mit Widerhaken bewehrte Zunge hinein, an der die Ameisen hängenbleiben. Auch im Winter besucht er noch die Ameisenhaufen und bohrt dazu sogar Tunnel in den Schnee.

Neben dem typischen Gelächter des Grünspechts kann man ihn auch manchmal trommeln hören, aber längst nicht so oft und ausdauernd wie die anderen Spechte, die bei uns zu Hause sind, wie den Buntspecht oder den Schwarzspecht. Während die anderen heimischen Spechte auch hämmern, um Insekten im Holz zu finden, klopft der Grünspecht vor allem, um sich Nisthöhlen in den Bäumen anzulegen.

Außer an seinem weitgehend grünen Rückengefieder erkennt Ihr ihn an seiner roten Kappe, die sich bis in den Nacken zieht und der schwarzen Zorro-Maske. Das Männchen hat außerdem noch rechts und links vom Schnabel rote Bartstreifen.


Spechtloch im Apfelbaum

Die Streuobstwiese im Herbst

Lange haben wir auf den Herbst gewartet. Jetzt endlich können wir ernten! Wie schon erwähnt, sind die meisten Früchte, die auf unseren Streuobstwiesen geerntet werden können, Äpfel. Aber es finden sich auch Birnen, Zwetschgen, Kirschen und hin und wieder Haselnüsse und Beeren.

Streuobstwiesen prägen die Kulturlandschaft in Kemnat. Es gibt welche östlich und westlich der Reutlinger Straße, an den Talhängen des Klingenbaches, des Ramsbaches und der Körsch und am östlichen Rand des Kurrenwaldes. Auf einer Streuobstwiese stehen pro Hektar ca. 60 bis 120 Bäume. Im Vergleich dazu: In einer Obstplantage stehen etwa 3000 Bäume auf dem Hektar. Dort stehen streng zugeschnittene Bäume in Reih und Glied, hier aber sind die oft deutlich älteren Bäume unregelmäßig, eben „zerstreut“ angeordnet. Durch die lockerere Verteilung reduziert sich die Notwendigkeit der Schädlingsbekämpfung. Gedüngt wird organisch – oft mit dem, was Schafe und andere Weidetiere unter den Bäumen liegen lassen. Damit hat eine konventionell gepflegte Streuobstwiese eine bessere Ökobilanz als jede biologisch angebaute Obstplantage.


Noch sind die Äpfel nicht ganz reif.

Im 18. Jahrhundert bekam Württemberg die Spitzenstellung im deutschen Obstanbau. In den sogenannten Pomologien und Baumschulen in Hohenheim wurden Hochstammsorten gezogen und unentgeltlich oder billig an Bürger und Bauern abgegeben. In den 1950er Jahren wurde durch den sogenannten Generalobstbauplan die Rodung unwirtschaftlicher Altbestände von Obstbäumen und die Pflanzung dichter Niederstammanlagen gefördert. Streuobstwiesen blieben dort erhalten, wo landwirtschaftliche Nutzung nicht ertragreich war, das waren um Kemnat herum vor allem die Hänge zur Körsch und zum Klingenbach hin.

Gleichzeitig mussten viele Streuobstwiesen der Neubebauung und dem Straßenbau weichen. Erst 1981 wurde die Obstbaumpflanzung mit Erhaltungsprämien gefördert, um den starken Rückgang zu verlangsamen. Damit wurde auch der Verlust des vielfältigen Landschaftsbildes und der Rückgang typischer Vogel-, Insekten- und Pflanzenarten gebremst und der Erhalt der Landschaft um Kemnat, so wie wir sie kennen, sichergestellt.


Schachbrettfalter auf der Blüte einer Kratzdistel

Die Streuobstwiese im Winter

Viel zu holen ist im Winter auch auf der Streuobstwiese zwar nicht mehr. Aber immer noch stochert der Grünspecht nach Ameisen. Und auch die Bäume bieten noch Nahrung für andere Arten. Eine Pflanze, die sich ganz direkt vom Baum ernährt, ist die Mistel. Bei uns ist die Weißbeerige Mistel verbreitet und sie breitet sich, weil die Obstbäume nicht mehr so gründlich gepflegt werden, immer mehr aus. Die Mistel wird als Halbschmarotzer bezeichnet, weil sie zwar grün ist, d.h. mit dem in ihr enthaltenen Chlorophyll Photosynthese betreiben kann, aber die Grundstoffe, die sie dafür braucht, dem Baum entzieht, auf dem sie wächst. Deswegen stirbt ein Ast auch oft hinter der Stelle ab, an der eine Mistel ihre Wurzeln eingesenkt hat.


Mistel im winterlichen Apfelbaum

Die Misteln kann man bereits im Februar blühen sehen. Und noch ein Jahr später, also den ganzen Winter hindurch, hängen die weißen Beeren an der Pflanze. Sie bieten sich also als eine der wenigen Futterquellen dar, die es im Winter noch gibt. Sie werden gerne von Vögeln gefressen, und das kommt der Mistel gerade recht: Denn der Saft der Beeren ist sehr klebrig, und selbst dann noch, wenn die Kerne unverdaut über den Vogelkot wieder ausgeschieden werden, sind sie von einer klebrigen Hülle umgeben. So bleiben sie gut am nächsten Baum haften und können sich dort ansiedeln.

Den Menschen in Kemnat kommt im Winter zugute, dass heute in gewisser Weise die Hänge einen Teil ihrer mittelalterlichen Rolle wiedererlangt haben: Aus ihrer Ernte werden nämlich wieder leckere Getränke hergestellt: zwar kein Traubenwein, aber dafür natürlich Apfelsaft und auch, u.a. mit der Hilfe des Kemnater Obst- und Gartenbauvereins, Apfelwein und Schnaps.


Die Misteln blühen im Februar.